Stratovarius: Interview mit Jens Johansson

Stratovarius Interview - Hirsch Nuernberg - 27-03-2013-02Vor dem Auftritt von STRATOVARIUS in Nürnberg nahm sich Keyboarder Jens Johansson Zeit, einige Fragen zum aktuellen Album „Nemesis“ und der Band selbst zu beantworten. Jens als dienstältestes STRATOVARIUS-Mitglied geht dabei auch ausführlich auf das Songwriting der Power Metaller ein. Schade: Schon während des Interviews erwähnte Jens, dass Sänger Timo stark erkältet sei. Kurze Zeit später mussten STRATOVARIUS ihren Auftritt in Nürnberg absagen, da Timo zu schwer angeschlagen war.

Jens, danke, dass du dir die Zeit nimmst, hier wurde ja schon das Catering aufgebaut.

Kein Problem, kein Problem! Ich komme mal besser näher ans Mikro ran, so nahe es geht. (Im Hintergrund beginnt soeben der AMARANTHE-Soundcheck in voller Besetzung…)

Lass uns über das neue Album sprechen. „Nemesis“ klingt sehr frisch und kraftvoll, und ich habe mich beim Anhören gefragt, ob das an der Verjüngung der Band in den vergangenen Jahren liegt.

Das glaube ich weniger, es ist vielmehr paradox: Das Album klingt wegen der Erfahrung so frisch, weniger wegen der Jungend in der Band. Es ist das dritte Album zusammen und jetzt kennen wir uns besser als früher, das ist der Hauptgrund. Und wir kennen mittlerweile die Fans besser. Matias kam 2008 zur Band und hatte da natürlich nicht eine einzige Show mit der Band gespielt. Und jetzt hat er 200 Shows gespielt, oder wie viele auch immer, ich vergesse das immer, aber es waren eine Menge. Somit hat er jetzt ein besseres Verständnis davon, was die Fans wollen, und von der Geschichte der Band und von der neueren Geschichte der Band.
Außerdem ist „Nemesis“ das erste Album, das Matias von der ersten bis zur letzten Note produziert hat. Die beiden Alben davor [„Polaris“ und „Elysium“] waren eher Flickwerk, jeder hat irgendwie daran gearbeitet, mal zusammen an einem Stück, mal getrennt. Aber diesmal haben wir uns Zeit gelassen, so viel Zeit wie nötig war.

Wie läuft das Songwriting bei STRATOVARIUS aktuell ab?

Seit den letzten drei Alben, also seit 2008, schreibt jeder, der etwas schreiben will, und dann entscheiden wir als Kollektiv, was auf die Platte kommt. Die Methode hat sich vielleicht etwas geändert und wurde verfeinert, und klar – wie mit jeder Band – gibt es Diskussionen darüber, was auf das Album kommt. Es gibt natürlich viele verschiedene Wege, diese Probleme zu lösen, aber wir haben diese Tradition, dass jeder schreiben darf, der schreiben will.

Auch wenn ihr als Kollektiv entscheidet: Gibt es einen Bandleader, der am Ende die finale Entscheidung trifft, wie das Album aussieht?

Nein, gar nicht, das ist wo die Magie stattfindet: Es passiert in diesem kollektiven Hirn, und ich glaube, es ist ein sehr guter Weg, wie wir es tun. Denn wenn alles gut geht, wie bei diesem Album, dann kann sich jeder damit rühmen. Und noch wichtiger, wenn alles Scheiße ist, dann hast du eben nicht nur eine Person, die dafür verantwortlich gemacht werden kann. Wenn du einen Diktator in der Band hast, dann sagen alle: „Ha, dieser Depp hat die falschen Songs ausgesucht!“ Wenn du dir also keinen Schuldigen rauspicken kannst, dann sind alle daran schuld. Ich mag diese Methode.

Wie ist die Chemie in der Band? Es klingt so, als sei das Bandgefüge derzeit völlig intakt.

In jeder Band gibt es Diskussionen und Konflikte. Aber allgemein ist STRATOVARIUS eine der besten Bands, in der ich bisher war. Es war immer sehr gut, seit ich 1995 in die Band eingestiegen war.

Auf dem neuen Album gibt es paar Elemente, die man so eher von Dance- oder sogar Techno-Musik kennt. Wie kamt ihr auf diese Idee? In der Pressemitteilung zu „Nemesis“ war sogar zu lesen, dass Songs wie „Stand My Ground“ die neue Richtung von STRATOVARIUS sein sollen.

Stratovarius Interview - Hirsch Nuernberg - 27-03-2013-05Davon weiß ich nichts, wir haben niemanden in der Band, der so eine Richtung vorgeben könnte. (lacht) Mein Lieblingsbeispiel ist das: Wenn für die nächste Platte einer auf die verrückte Idee kommt und Reggae-Songs schreibt, dann hätten wir ein Scheiß-Reggae-Album – aber ich glaube nicht, dass das passieren wird. Aber für mich ist die Idee hinter der Band, dass wir kraftvolle Songs mit Melodien wollen – und die Keyboard-Arrangements, die du meinst, die sind nur das Dressing oben drauf. Es ist wie Steak-Soße, es ist nicht das Steak selber, sondern nur die Steak-Soße, aber es macht das Steak manchmal noch besser. Aber es könnte das Steak natürlich auch ruinieren.

Stammen alle Keyboard-Parts von dir?

Die meisten sind von mir, aber Matias ist ein echter Hands-on-Typ, er hatte einige sehr gute Ideen. Ich habe sie übernommen, weil ich sie so gut fand. Ein paar Kleinigkeiten habe ich hier und da verändert, denn er spielt nicht Keyboard, sondern malt die Noten in seinem Sequencer. Für „Halcyon Days“ hatte er die Idee zu diesem super Techno-Arrangement, das mir sehr gut gefallen hat.

Arbeitet ihr alle digital an den Songs, nehmt also auf euren PCs auf und tauscht die Teile dann aus?

Ja, wir laden alles auf Dropbox hoch, oder arbeiten mit Skype. Die Schlagzeugaufnahmen für meine Songs habe ich zum Beispiel über Skype mit Rolf gemacht. Wir verlassen uns extrem stark auf das Internet. Ich lebe ja in Schweden und die anderen in Finnland. E-Mail, Dropbox, FTP, was auch immer verfügbar ist, wird verwendet.

Die Texte des neuen Albums sprechen wieder sehr oft davon, dass man sich nicht unterkriegen lassen soll, dass man nicht alleine sei und so weiter. Klare Aussagen also, die Mut machen sollen, oder?

Ja, das ist das klassische STRATOVARIUS-Ding. Wir haben viele Songs darüber geschrieben, denn wir sehen uns als Entertainer. Wir wollen unseren Zuhörern den Tag versüßen, nicht andersrum. Wenn du einen beschissenen Tag hattest und du hörst unsere Musik, dann geht es dir besser. Nicht „Häng dich auf!“ oder „Satan ist der Herr! Wrrroaaarrrr!“ oder sowas, so eine Band sind wir nicht. Unsere Herangehensweise ist ein bisschen anders als im Black Metal. (lacht)

Und trotzdem habt ihr das neue Album „Nemesis“ getauft, was für die griechische Rachegottheit steht. Das klingt eher negativ.

Ja, stimmt, aber es klang cool. Es gibt keine größeren Hintergedanken dabei, es war auch Matias‘ Idee. Wir saßen ziemlich besoffen zusammen, oder besser gesagt verkatert. Auf einem Flughafen. Und er so (Jens imitiert lallen): „Hey, wir sollten es Nemesis nennen, das klingt saugeil!“ (lacht)

Gab es zuerst den Song „Nemesis“ und dann die Idee, das Album so zu nennen?

Nein, es ist kein Konzeptalbum. Die meisten Songs hatten schon andere Titel, und Matias hat „Nemesis“ erst danach geschrieben, weil eben das Album so hieß. Ich glaube, zuerst hieß er gar nicht „Nemesis“, sondern „Power in me“ oder so, aber dann haben sie den Titel geändert.

Hast du einen Lieblingssong auf „Nemesis“?

Ich glaube, ich würde „One Must Fall“ nehmen.

Das neue Album klingt sehr transparent und heavy, moderner als die früheren Alben, also kein Old-School-STRATOVARIUS-Sound. War das auch eine bewusste Entscheidung?

Schon seit „Elysium“ war zumindest für mich klar, dass ich Matias voll und ganz bei der Produktion des Albums vertrauen kann und er daraus etwas interessantes machen würde. Er hat eine klare Vision und hat sehr viel Zeit vor allem mit dem Gitarrensound verbracht, und er hat die Rhythmus-Parts der Gitarre auch anders als auf „Elysium“ gespielt, soweit ich weiß. Und ich glaube, wenn man ihm die Produktion anvertraut, dann sollte man ihm nicht ständig reinreden. Am Ende hat er sich beim Mixen selbst fast in den Wahnsinn getrieben, wie immer, aber er nimmt diese Verantwortung auch sehr ernst. Vielleicht manchmal ein bisschen zu ernst, aber er kann auf das Endergebnis auch wirklich stolz sein. Also beschwere ich mich nicht. Er ist noch jung, er kann gut mit Stress umgehen.

Klingt so, als würdest du diese Aufgabe nicht übernehmen wollen.

Nein, das würde ich nicht wollen. Ich würde sie jemand anderem übergeben, wenn Matias es nicht übernehmen wollte. Es ist sehr viel Arbeit.

Du bist seit ungefähr 18 Jahren bei STRATOVARIUS, eine lange Zeit, in der sich die Musikindustrie deutlich verändert hat. Wie siehst du diese Veränderungen?

Stratovarius Interview - Hirsch Nuernberg - 27-03-2013-06Das Hauptproblem ist, dass das Musik-Business stirbt, abgesehen davon ist alles toll. Keiner kauft mehr Platten, alle downloaden nur noch. Eigentlich sind alle im Krisenmodus, weil keiner weiß, wie es weitergeht. Für eine Band wie uns, für jede Band, ist es schwierig. Alle müssen mit dieser neuen Realität klar kommen. Also muss man mehr touren, mehr live spielen, es wird komplizierter. Aber Musik ist Musik, und Business ist Business, also zwei unterschiedliche Dinge. Aber man muss ein bisschen Musiker und ein bisschen Geschäftsmann sein.

Seid ihr denn mit den bisherigen Verkaufszahlen von „Nemesis“ zufrieden?

Ja, ich denke schon, vor allem wenn man sich eben den Zustand des Musik-Business ansieht. Wenn das Label nicht zufrieden wäre, dann würden wir das schon auf die eine oder andere Art erfahren. (lacht)

Was glaubst du bringt die Zukunft für STRATOVARIUS?

Ich glaube, wir machen so weiter, wenn uns das vergönnt ist. Also eher kein Reggae-Album. Aber das ist nicht komplett vom Tisch. Unser System, das ich „democrazy“ nenne, bei dem jeder mitbestimmen kann, könnte das ermöglichen. Es ist also möglich, aber nicht wahrscheinlich. „2014: The STRATOVARIUS Reggae Explosion“ – wie klingt das? (lacht) Man weiß es nie.

Auf der Tour spielt ihr natürlich auch Songs von „Nemesis“. Wie stellt ihr die Setlist zusammen?

Das ist auch ein interessantes System, das wir haben. Wir überlassen das Timo, unserem Sänger. Er entscheidet, denn er hat den härtesten Job. Also kann er Songs weg lassen, wenn er krank ist oder sich nicht gut fühlt. Darum ändert sich die Setlist auch manchmal. Auch wenn Leute fragen, ob wir bestimmte Songs spielen können, weil sie Geburtstag haben oder so. Timo schickt uns dann die Setlist, kurz bevor er auftaucht.

 

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